
Ist die Generationensolidarität
3
in Gefahr?
Da und dort wird der Gedanke
geäussert, dass die sogenannte
Risikogruppe der über 65-Jährigen
für die wirtschaftlichen Schäden
aus der Corona-Krise einen
Beitrag für jüngere Generationen
leisten soll. Klimajugendliche
fordern mehr ökologische Verantwortung
von älteren Generationen.
Und es könne nicht sein, dass
die Arbeitenden für einen Teil der
Pensioniertenrenten aufkommen
sollen. Ist die Generationensolidarität
in Gefahr?
Dazu ein paar Bemerkungen zum
sogenannten Generationenvertrag
und zum Solidaritätsprinzip:
Der Generationenvertrag, in dem
Sinne verstanden, dass die jeweils
arbeitende Bevölkerung Geld in
die Rentenkassen einzahlt, wovon
die Pensionierten neben dem, was
sie selbst während ihrer Arbeitsphase
eingezahlt haben, leben
können, ist ein fiktiver Vertrag zwischen
den Generationen. Für den
Generationenvertrag gibt es keine
wirklichen Vertragspartner. Durch
die demographische Entwicklung
sind einige Schwierigkeiten absehbar,
die durch Rentenreformen,
die dafür sorgen, dass alle
ihre Grundbedürfnisse decken
können, gelöst werden müssen.
In allen Generationen gibt es
mehr oder weniger glückliche
und mehr oder weniger reiche
Menschen. Deswegen vernebelt
der Begriff der «Generation»,
verstanden als eine bestimmte
Altersgruppe, bestehende Ungleichheiten
und Ungerechtigkeiten.
Das Solidaritätsprinzip meint,
dass man in einer Gemeinschaft
mit Unterstützung und Hilfe rechnen
kann, wenn man sie braucht,
das heisst, Reiche unterstützen
Arme, Gesunde Kranke, vom
Glück begünstigte Bedürftige.
Alle sorgen zunächst selbstbestimmt
und nach Kräften für sich,
tragen wenn möglich das Ihre
zum Gemeinwohl bei und beanspruchen
ohne Scham Unterstützung
und Hilfe, wenn sie gebraucht
wird. Das Solidaritätsprinzip, so
verstanden, ist keine Generationenfrage,
sondern eine Handlungsorientierung,
wonach man
sich gegenseitig unterstützt,
wenn man auf Hilfe angewiesen
ist, und Hilfe leistet, wenn man
über genügend Ressourcen verfügt.
Einen Generationenkonflikt
herbeizureden wird der Lage
nicht gerecht. Konflikte entstehen
aber zurecht, wenn Bedürftige
nicht solidarisch unterstützt,
Grundbedürfnisse nicht gestillt,
Menschenrechte verletzt oder der
Planet durch unser Wirtschaften
so stark belastet wird, dass zukünftige
Generationen darunter
leiden müssen.
Was heisst das konkret für die
Rentnerinnen und Rentner? Für
sich und andere sorgen! Wer
nach der Pensionierung gut für
sich selber sorgt, das Leben ressourcenschonend
geniesst, sich
weiterbildet
und vielleicht bisher
verborgenen Talenten Raum
und Zeit gibt, tut letztlich sich
und andern Gutes. Und wer noch
bei guter Gesundheit und in vollem
Saft ist, setzt sich hoffentlich
dankbar ein für andere, etwa als
Grosseltern, als Freiwillige im Einsatz
für gemeinnützige Zwecke
oder in der Betreuung von hochaltrigen,
kranken Personen.
Beat Steiger
Kantonaler Seniorenrat St.Gallen