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Hätte nicht dieses perfide Virus
namens Corona unser ganzes
Leben auf den Kopf gestellt, wären
wir am 2. Mai in die Ferien
gefahren. Apulien wäre unser Ziel
gewesen, und ich freute mich seit
der Buchung im vergangenen
Dezember auf die Erlebnisreise in
eine Region, die ich bisher nur
vom Hörensagen kannte.
Anfang März kamen dann die ersten
Bedenken, und am 13. April
war der Traum definitiv aus. Das
Reisebüro teilte uns mit, dass die
Reise nicht stattfinden kann.
Wir hätten aber die Möglichkeit,
sie im Oktober 2020 nachzuholen.
Obwohl wir positiv denkende
Menschen sind, entschieden wir
uns für die Stornierung der Reise –
schweren Herzens, aber es war ein
Entscheid mit gesundem Menschenverstand.
Seit Juli ist das Wort «Ferien» wieder
in aller Munde. Wir sind entspannter
und gelassener geworden,
doch in unseren Köpfen hat
sich das Wort «Corona» fest eingenistet.
Trotz allem machen sich
Feriengedanken breit. Die Frage
«Wohin?» lässt sich schnell beantworten.
«Hierblieben» ist das
Schlagwort. Unsere Schweiz ist
klein, aber fein und birgt tausende
von herrlichen Erlebnissen und
Sehenswürdigkeiten.
Sollen wir ins Bündnerland oder
ins Wallis, in die Innerschweiz
oder in die Freiberge? Da lockt ein
Sprung in einen klaren Bergsee
im Berner Oberland. Auch das
Tessin wäre traumhaft.
«Also gut», habe ich gesagt, «wohin
gehen wir?». «Wir könnten
doch aufs Brienzer Rothorn. Da
waren wir noch nie.» «Ja, genau,
das machen wir. Wir dürfen sogar
unseren Hund mitnehmen und
wir könnten auch auf dem Gipfel
übernachten.» Noch am gleichen
Tag teilten wir unseren Freunden
mit, dass wir beabsichtigen, Mitte
Juli nach Brienz zu fahren. Diese
waren so begeistert von der Idee,
dass sie beschlossen, uns zu
begleiten. Unser Freund bot sich
an, eine passende Unterkunft
zu suchen, und bald erhielten wir
eine Mail mit den Angaben zum
Hotel. Da ich dachte, er hätte bereits
schon die Zimmer gebucht,
rief ich unseren Freund an und
fragte ihn, was wir noch machen
müssten, um die Buchung fix
zu machen. Die Antwort warf mich
fast um: «Diese Maskenpflicht in
öffentlichen Verkehrsmitteln mag
ich nicht. Wir lassen die Reise
sausen.» Ich war so perplex, dass
ich zu meinem Mann nur sagte:
«Wir fahren nicht aufs Brienzer
Rothorn.» Dass mein Mann und
ich trotzdem hätten fahren
können, kam mir erst zwei Tage
später in den Sinn. Na ja, vielleicht
fahren wir demnächst doch noch.
Eine neue Ferienmöglichkeit tat
sich auf, als uns unsere Tochter
anrief und sagte, dass sie Anfang
August mit der ganzen Familie
Ferien in Estavayer-le-lac verbringen
und sich freuen würde, wenn
wir einige Tage dazustossen würden.
Können Sie sich vorstellen,
dass ich in Gedanken bereits an
der Planung von Ausflügen in der
Region Neuenburgersee war? Und
mein Mann hatte mir versichert:
«Da gehen wir hin. Versprochen.»
Selbstverständlich habe ich aber
immer einen Plan B im Kopf:
Wenn’s keine Reise sein kann,
dann bleiben wir halt zu Hause.
Zu Hause ist es sowieso am
Schönsten.
Ursula Gentsch, im Juli 2020
Von wegen Ferien …