
6
ein langsameres und bedächtigeres
Leben. Damit ist die Gefahr
gross, aus der Gesellschaft rauszufallen.
Entsprechend epidemisch
nehmen die Einsamkeit und Unverbindlichkeit
zu, und zwar bei
Jungen und alten Menschen. Die
Einsamkeit betrifft dabei aber
auch zunehmend die Funktionsfähigen,
wenn sie neben der Arbeit
keine Zeit mehr für Beziehungen
haben. Gelebte Sorgekultur
ist Beziehungskultur. Sorgen ist
der Kern menschlicher Verantwortung
und Humanität. Diese
Verantwortung betrifft aber alle
Sorgefähigen, ob jung oder alt.
Alter per se ist kein moralischer
Anspruch auf Sorge, besondere
Abhängigkeiten hingegen schon.
Ein obligatorischer Sozialdienst
wäre wichtig, um die Sorgekultur
lokal und national zu fördern.
International
erleben wir aktuell
grosse Verschiebungen und wie
die Einsamkeit nehmen auch Armut
und Hunger epidemisch zu.
Die viel zitierte Zeitwende führt
aktuell auch zu einer starken
weltweiten
Entsolidarisierung.
Beat Steiger: Sie fragen auch, ob
wir uns für das Wohlergehen zukünftiger
Generationen genügend
einsetzen? Ist das eine rhetorische
Frage? Rufen Sie damit auf zu
einem Bündnis zwischen der Klimajugend,
den Aktiven in Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft und
den aktiven Pensionierten?
Ruth Baumann-Hölzle: Auf jeden
Fall. Das ist aber nicht eine Generationen,
sondern eine Bewusstseinsfrage.
Ohne Verhaltensänderung
schaffen wir diese Heraus-
forderungen nicht. Hier zeigt sich
nun aber auch ein Gerechtigkeitsproblem.
Lassen Sie mich das am
Beispiel des Reisens erläutern: Das
Bedürfnis zu reisen, ist bei vielen
alten und jungen Menschen sehr
gross. Fordert man nun die Jungen
auf, weniger zu reisen, ist dies
einschneidender als bei alten
Menschen, weil viele Ältere diese
Möglichkeiten bereits auskosten
konnten. Es braucht Verzichtleistungen
von allen Seiten, klar, aber
hier sind privilegierte ältere Menschen
stärker in der Pflicht. Anders
ist es natürlich bei alten Menschen,
die ein entbehrungsreiches
Leben hinter sich haben.
Es geht aber sehr viel weiter. Die
Eingriffe, die wir in die Natur und
den Menschen vornehmen und
vorzunehmen planen, haben eine
unabsehbare und damit auch unverantwortbare
Reichweite. Dabei
denke ich vor allem an die genetischen
Eingriffe. Solche Eingriffe
werden aber mit immens starken
internationalen Interessen- und
Lobbygruppen seit Jahrzehnten
vorangetrieben.
Beat Steiger: Was «Gerechtigkeit»
betrifft, erinnern Sie an den ethischen
Anspruch, Verteilungs-,
Solidar
und Zukunftsgerechtigkeit
sicherzustellen. Dazu zunächst
eine Frage zur Verteilungsgerechtigkeit.
Wie können in der
Schweiz und weltweit beschränkt
vorhandene Mittel gerechter
verteilt werden?
Ruth Baumann-Hölzle: Wir brauchen
einen Wertewandel. Die
herrschende Verbrauchsmentalität
zerstört die Lebensgrundlagen.
Es ist auch eine Frage des Menschenbildes,
welches handlungsleitend
ist. Ein solcher Wandel
aber ist eine Willensfrage. Hierzu
braucht es internationale Koalitionen
der Menschen guten Willens.
Das Problem ist, dass das Manipulationspotential
stetig zunimmt,
sei es durch die digitalen Möglichkeiten,
aber auch weil die Akzeptanz
zunimmt, manipuliert werden
zu dürfen. Dies stärkt die
manipulativen Kräfte und entmachtet
die Menschen. Die Freiheit
ist aktuell enorm in Gefahr.
Eine gerechtere Verteilung erreichen
wir nur, wenn die Macht der
multinationalen Unternehmen
eingeschränkt wird. Während der
Coronapandemie bin ich erschrocken,
wie wenig z.B. die immensen
Gewinne der Unternehmen
von den Medien kaum thematisiert
und hinterfragt wurden, auch
nicht von den Linken.
Beat Steiger: Es ist so, dass in
einem
Staat die Chancen und
Handlungsmöglichkeiten ungleich
verteilt sind. Solidargerechtigkeit
meint, dass diejenigen mit
mehr Chancen und Handlungsmöglichkeiten
sich solidarisch
zeigen
zu den Benachteiligten,
indem
zwischen Begünstigten
und Benachteiligten ein Ausgleich
geschaffen wird. Was könnte
in dieser Hinsicht politisch
stärker
priorisiert werden?
Ruth Baumann-Hölzle: Hier
möchte ich nochmals an der bewusst
gelebten Sorgekultur anknüpfen,
aber es braucht auch
den politischen Willen dazu. Wie
in meinem Referat erwähnt, ist es
hilfreich, dies nach John Rawls
mit dem Schleier des Nichtwissens
im Rahmen eines echten
ethischen Dialogs zu tun. Dabei
ist nicht von einem einseitigen Interessensstandpunkt
auszugehen,
sondern eine Perspektive des guten
Lebens für alle zu verfolgen.
Schliesslich sind die Augen der
Justitia ja auch verbunden, damit
sie die Interessen aller unter dem